Leipziger Institut
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"Der politische Islam. Stresstest für Deutschland"

Dr. agr. habil. Günter Preuße 29.08.2020

Unter diesem Titel erschien im Jahr 2019 im Gütersloher Verlagshaus in Gütersloh eine Publikation von Prof. Dr. Susanne Schröter.

Susanne Schröter wirkt als Hochschullehrerin für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt / M., ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.
Sie studierte Anthropologie, Soziologie, Kultur- und Politikwissenschaften sowie Pädagogik.

Die Ethnologin betrachtet u. a. den politischen Islam in seinem Verhältnis zum Grundgesetz der Bundesrepublik. Individuelle Freiheitsrechte dürfen nicht verloren gehen. Religiöse Normen dürfen nicht an die Stelle weltlicher Normen treten. Beim Lesen des Buches wird deutlich, dass wir eigentlich kaum etwas von der Vorstellungswelt des Islam inmitten unserer Gesellschaft, innerhalb unseres Gemeinwesens, wissen. Die Vorstellungswelt des Islam wird aber - ob man damit einverstanden ist oder nicht - in unserem Kulturraum weiter an Bedeutung gewinnen.

Wie das Christentum weist auch der Islam, als jüngste der Weltreligionen, viele Spielarten auf.

Susanne Schröter befasst sich in der vorliegenden Darstellung insbesondere mit dem politischen Islam. Der politische Islam stellt eine Sonderform des Islam dar und sollte nicht charakteristisch für die gesamte Weltreligion gesehen werden, die auch in Deutschland eine Vielzahl von Facetten besitzt.

Durch ihre Mitarbeit in der Deutschen Islamkonferenz kommt die Autorin zu der Erkenntnis, dass durch strategisch geschicktes Agieren der politische Islam einen gesellschaftlichen Einfluss bei uns ausübe. Dabei dominiere er zunehmend die Bühne der staatlichen Islampolitik. Vertreter des politischen Islam spielen aber auch in zivilgesellschaftlichen Dialogveranstaltungen eine gewichtige Rolle. In dieser komplizierten Situation seien auch Mitglieder politischer Parteien herausgefordert, die die Rahmenbedingungen für unsere pluralistische Gesellschaft zu erstellen und zu verantworten haben.

Mit ihrem Buch richtet sich Susanne Schröter an alle, die sich für den Islam in der gesellschaftlichen Gegenwart interessieren.

Wie viele Religionswissenschaftler sieht auch die Autorin den politischen Islam als einen Gegenentwurf zur säkularen Moderne und den Freiheitsrechten des Individuums. Seine Wurzeln gehen weit in die islamische Geistesgeschichte zurück. Wichtige Informationen hierzu hatte 1976 bereits der damalige DDR-Religionswissenschaftler Walter Beltz in seinen Analysen geliefert.

Die gegenwärtige Spielart des politischen Islam in Deutschland wird vorrangig als eine Reaktion auf den Zusammenbruch des osmanischen Kalifats und die weltweite Dominanz des Westens in Wirtschaft und Politik gesehen. Eng verbunden mit dem politischen Islam ist der Begriff des "Fundamentalismus". Er verkörpert den Glauben an eine absolute Wahrheit, die nur innerhalb der eigenen Religion zu finden ist. Fundamentalisten sind überzeugt, dass gesellschaftliche Normen und Werte in Einklang mit religiösen Dogmen gebracht werden müssen. Fundamentalisten wollen eine zum Ideal erklärte Vergangenheit mit einer religiösen Ursprungsgemeinde gegen eine vermutlich vom richtigen Glauben abgefallene und in Sünde lebende moderne Welt in Stellung bringen. Die Autorin verweist darauf, dass der Fundamentalismus sowohl im Islam als auch im Christentum präsent ist. Im islamischen Fundamentalismus geht es um die Exegese des Korans. Das Weltbild des christlichen Fundamentalismus basiert auf einer wortwörtlichen Bibelexegese, ist aber in Deutschland gesellschaftlich kaum relevant.

Nach Schröter tangieren viele Islamwissenschaftler dazu, den islamischen Fundamentalismus als Islamismus zu benennen. Dieser Begriff hat sich letztlich durchgesetzt und wird definiert als Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden. Islamismus meint damit nach Susanne Schröter nicht anderes als den politischen Islam. Sein Herrschaftsanspruch ist die gesamte Gesellschaft mit allen ihren Teilbereichen. Diese Politisierung der Religion bedeutet im Ergebnis u. a. die Reglementierung der Lebensführung von Muslimen anhand der Kategorien des Erlaubten (halal) und Verbotenen (haram). Was halal oder haram ist, wird dem Koran oder der Sunna entnommen.

Grundsätzliche Aussage: "Zum islamischen Kanon gehört die Überzeugung einer Vorrangstellung des religiösen Gesetzes vor dem weltlichen. Das macht den politischen Islam in seinem Kern demokratiefeindlich... ." Damit befindet sich die Autorin auch in Übereinstimmung mit islamischen Kollegen. So betont z. B. Bassam Tibi, deutscher Staatsbürger islamischen Glaubens und syrischer Herkunft, dass mit dem deutschen Grundgesetz ein schriftfundamentalistischer Islam nicht vereinbar sei.

Eine wichtige Feststellung der Hochschullehrerin Schröter ist, dass im Zentrum des politischen Islam unangefochten die islamistische Genderordnung steht!

Sie behandelt als auffälligste Merkmale dieser Genderordnung den extremen Patriarchalismus, den partiellen oder vollkommenen Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit und die Fetischisierung der Bedeckung des weiblichen Körpers und Kopfes.

Bei dieser Feststellung müsste es eigentlich zum Aufschrei der bildungsbürgerlichen Feministinnen kommen! Immerhin haben in Deutschland lange und ausdauernd Frauen für ihre Rechte gekämpft und vieles erst vor wenigen Jahren durchgesetzt. Diese Erfolge sollten jetzt nicht im Namen einer falschen Toleranz gegenüber islamistischen Vorstellungen wieder geopfert werden.

Susanne Schröter verweist darauf, dass im Einflussbereich des Islam Tunesien seit seiner Unabhängigkeit 1956 als eines der emanzipiertesten Länder galt. Sie hebt hervor: "Jegliche Form häuslicher Gewalt steht seit 2017 unter Strafe, und Frauen sind in der Ehe nicht mehr zum Beischlaf verpflichtet, wie es ein Koranvers eigentlich vorschreibt. Außerdem dürfen sie mittlerweile Nichtmuslime heiraten... ."

Es zeigt sich, dass im nordafrikanischen islamischen Tunesien die säkulare Zivilgesellschaft breit aufgestellt ist und ein erhebliches Gewicht hat. Im aufgeklärten Deutschland ist man dagegen offenbar bereit, die erkämpften Frauenrechte dem politischen Islam zu opfern!

Das aufmerksame Lesen regt zum Nachdenken an.

Was passieren kann, zeigt die Autorin am Beispiel des Iran:

"Der erste moderne Staat, der durch den Sturz eines autoritären Regimes in eine islamistische Diktatur verwandelt wurde, war der Iran. Im Jahr 1979 hatte eine breite Bewegung aus Sozialisten, Kommunisten, Demokraten und orthodoxen Geistlichen den in der Bevölkerung verhassten Schah Reza Pahlavi zum Rücktritt gezwungen und die schiitische Elite unter Führung Ajatollah Khomeinis übernahm handstreichartig die Macht. Innerhalb weniger Monate verwandelten die Kleriker das Land in eine islamische Republik, in einen politischen Albtraum, der eindrücklich illustrierte, was es bedeutet, wenn Islamisten ihre Visionen in die Tat umsetzen."

Das Bild des Iran vermittelt den Eindruck, dass der Grad der Islamisierung einer Gesellschaft durchaus an der Zahl der verschleierten Frauen ablesbar sein kann. Man kann hier eine unterschiedliche Meinung vertreten. Es ist aber unbestreitbar, dass es den islamistischen Akteuren im Iran gelungen ist, den Schleier verpflichtend für alle Frauen vorzuschreiben. Selbst Frauen, die keine Musliminnen sind, müssen sich der muslimischen Kleiderordnung unterwerfen und den Schleier tragen.

Aktuell ist die Analyse der Entwicklung in der Türkei. Die Autorin zeigt, wie sich auch die Türkei in den letzten Jahren immer mehr islamisiert hat. Die Grundlage für diese Entwicklung sieht sie darin, dass Atatürks Modernisierungskurs in erster Linie von der gebildeten städtischen Bevölkerung getragen wurde. Gebildete Bürger waren und sind "traditionell Kemalisten und Wähler der 'Republikanischen Volkspartei'... . Mit den städtischen Armen und der Landbevölkerung haben sie kaum Berührungspunkte. Vor allem in ruralen Regionen ... waren die Menschen nach wie vor in ihre Großfamilienstrukturen eingebunden, Grund und Boden waren im Besitz feudaler Clanchefs. Rückständigkeit und Unterentwicklung grassierten. Zudem verfügten die religiösen Eliten, obgleich sie einen großen Teil ihrer Macht verloren hatten, weiterhin über funktionierende Netzwerke bis in die Politik hinein. Der türkische Laizismus konnte sich daher niemals vollständig entfalten und es kam immer wieder zu Konzessionen an religiöse Kräfte, aber auch zu versuchen, diese zurückzudrängen. Die gesamte Geschichte der Türkei war letztendlich von diesem Machtkampf zwischen ethnischen Mehrheiten und Minderheiten sowie zwischen säkularen und religiösen Akteuren geprägt."

Für Europa ergibt ihre Feldforschung: "Je größer der muslimische Anteil der Bevölkerung in einer Kommune ist, desto kompromissloser wird für die islamistischen Regulatoren gekämpft, und dort, wo Nichtmuslime bereits in der Minderheit sind, wie in einigen Stadtvierteln britischer, französischer oder belgischer Städte, werden in Schulen oder auf der Straße islamistische Normen mit Gewalt durchgesetzt. In Deutschland hinkt die beunruhigende Entwicklung noch hinterher, doch erste Anzeichen sind auch bei uns evident."

Andererseits hebt sie hervor, dass sich die islamische Welt am Scheideweg befände. "Ein Teil der Muslime treibt die Durchsetzung einer islamistischen Ordnung voran. Ein anderer Teil der Muslime ist entschlossen, am Aufbau einer säkularisierten Moderne festzuhalten."

Sie warnt aber auch: "Wenn wir uns die gegenwärtige islamische Welt anschauen, sehen wir, dass der politische Islam keineswegs im Niedergang begriffen ist."

Insgesamt zeichnet sich die vorliegende Publikation durch Sachlichkeit aus und ist eine Bereicherung für alle, die sich für den Islam in der gesellschaftlichen Gegenwart interessieren. Sie bietet sicher auch eine umfangreiche Diskussionsgrundlage.

Dr. Günter Preuße
Dr. agr. habil. Günter Preuße


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